Montag, 11. Juli 2016

Abschiedbrief an Istanbul



Mein geliebtes Istanbul, 





ohne viele Worte habe ich dich gerade verlassen und wenn ich an dich denke, kommt mir das falsch vor. Du hast mehr verdient. Eine Liebeserklärung und meine Gründe, warum es mit uns beiden (zumindest im Moment) nicht mehr klappen kann.

Du und ich- das war keine Liebe auf den ersten Blick. Genau genommen noch nicht einmal auf den zweiten.
Ich kann mich noch gut an eine laue Sommernacht im August 2013 erinnern, in der ich mit meinem Mann in einem Altbau-Hinterhof in deinem wunderschönen Beyoğlu saß. Es war unsere erste Begegnung. Wir in Istanbul. Gekommen, um herauszufinden, ob wir uns ein Leben mit dir vorstellen

könnten. Mein Fazit an diesem Abend war: NIEMALS!




Einen chaotischen ersten Eindruck hast du bei mir hinterlassen. Du warst laut, bunt, voller Menschenmengen und seltsamer Gerüche, mit hässlichen Baracken und so voller Dinge, die ich nicht verstand. Und an diesem ersten Tag, gerade als wir uns in einer überfüllten Seitengasse verirrt hatten und mir der Kopf schwirrte vor lauter neuer Eindrücke, bekam ich eine unliebsame Dusche. Einen Eimer Putzwasser von irgendwo aus dem 5. Stock. Direkt auf meinen Kopf. Das gab mir erstmal den Rest.


Doch nach einigen Tagen verfiel ich deinem Charme. Deinem Lächeln mit krummen Zähnen, deinem Balik Ekmek (Fischbrötchen), dem Boğaz (Bosporus), den Glasbläsern in Ortaköy, den Straßenkatzen auf der Istiklal caddesi, deinen Spielplätzen, auf denen noch um Mitternacht Hochbetrieb herrschte.  Ich fand Gefallen an deinen würzigen Mezze, deinem erfrischenden çay, den freundlichen und hilfsbereiten Menschen und dem Adana Dürüm, den es um die Ecke unserer Ferienwohnung gab.
Nachdem uns eine Maklerin gezeigt hatte, wie ruhig außerhalb des Stadtzentrums auch als Familie gelebt werden kann, hattest du uns in der Tasche. 


Wir, mein geliebtes Istanbul, hatten dann zwei wundervolle Jahre gemeinsam. Und wie das so ist mit den großen Lieben im Leben, warst auch du nicht unkompliziert. Manchmal hast du mich auf die Palme getrieben mit deiner Unpünktlichkeit und deiner Unzuverlässigkeit. Und mich dann wieder runtergeholt und mir die Wartezeit mit Cay und Baklava versüßt. Du hast mich in den Wahnsinn getrieben mit deinem Stolz. Mit deiner Schwäche, dir keine Schwächen eingestehen zu können. Mit 20 verschiedenen Wegbeschreibungen zum selben Ort, weil kein Istanbuler zugibt, dass er den Weg nicht kennt, kein Handwerker mir sagt, dass er nicht kann, worum ich ihn bitte. Mit deiner Ungenauigkeit hast du mich, einen 100%igen Pedanten, permanent schockiert. Dennoch war ich dir verfallen. Du und ich- das war wie Feuer und Wasser. Du hast mich gelehrt, geduldig zu sein, Missgeschicke mit Humor zu nehmen und auch mal 5 grade sein zu lassen. Du hast mir gezeigt, dass man mit einem Lächeln immer weiterkommt. Egal wie aussichtslos so manche Situation wirkte- am Ende war doch alles gut.


Ich kenne viele, die so gar nichts mit dir anfangen können, einige hassen dich sogar regelrecht. Das mag wohl daran liegen, dass sie dich nie so ganz verstanden haben. Eine sehr kluge Freundin sagte mal über dich: " If you love this city, this city loves you!". Hinter keinem Satz über dich steckt so viel Wahrheit, wie hinter diesem. Man muss dich nehmen, wie du bist.
Natürlich könnte ich mich zu Tode ärgern, weil ich bei dir abgeschleppt werde, obwohl kein Schild aufs Parkverbot hinwies. Und weil ich hinterher das Auto nicht wiederfinde, weil es drölfzig Abschleppunternehmen in jedem Bezirk gibt. Aber ich freue mich stattdessen über den syrischen Arzt, der versucht, den richtigen Abschleppdienst ausfindig zu machen. Den Taxifahrer, der mich aus Mitgefühl kostenlos auf eine irrwitzige Fahrt durch die ganze Stadt mitnimmt, über den Polizisten in Zivil, den wir irgendwann mitnehmen, weil er ebenfalls auf der Suche nach seinem Auto ist. Und über den fremden Kapitän vom Bosporus, der -endlich am Ziel- darauf besteht, meinen Strafzettel zu begleichen, wenn ich ihm verspreche, die nächste Bosporus-Tour mit meinen Freunden auf seinem Boot zu unternehmen.
Dies sind Dinge, mein geliebtes Istanbul, die einem nur bei und mit dir passieren können.


So viele interessante Begegnungen hast du mir die letzten beiden Jahre ermöglicht. Ich habe gelernt, nicht mehr so argwöhnisch zu sein. Ja, du hast mich gelehrt, dass nicht jeder Fremde Böses im Schilde führt. Dass es Menschen gibt, die frei von jedem Eigenvorteil handeln. Und so warst du faszinierend und aufregend, wir haben uns unsterblich in dich verliebt.
Wenn nur nicht all die Dinge gewesen wären, die versuchen, dich zu zerstören. Dinge, für die du nichts kannst. Politiker, die die Nachtclubs und Miniröcke in Taksim nicht sehen wollen und die syrischen Flüchtlinge nicht beim Betteln. Und wenn all diese Konflikte nicht aufgeflammt wären. Türken gegen Kurden, Erdogan-Anhänger gegen -Gegner, Patrioten gegen Pazifisten, die PKK gegen die Armee, die Armee gegen Journalisten, Polizisten gegen Demonstranten, Demonstranten gegen das System, Konservative gegen Liberale, Träumer gegen Realisten, der Dollar gegen die Lira und der IS gegen die Freiheit. All diese Konflikte nahmen uns die Unbeschwertheit. Die Leichtigkeit und Sorglosigkeit, die das Leben mit dir so lebenswert macht, geriet nach und nach ins Bröckeln.



Und so mussten wir schweren Herzens nach vielen Monaten der Unsicherheit die Entscheidung fällen, dich zu verlassen. Für unsere Sicherheit und die unserer Kinder. Als ich am Dienstagmorgen, dem 28. Juni in Dubai ankam und meinen Koffer auspackte, fragte ich mich, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Als ich am selben Abend von vielen Freunden die Nachricht erhielt, dass ausgerechnet am Flughafen, dem ehemaligen Arbeitsplatz meines Mannes, schwere Terroranschläge verübt wurden, wurde mir klar, dass wir das Richtige getan hatten. Wer weiß, ob er dort gewesen wäre. Mir wurde schlecht als ich erfuhr, dass diese Anschläge mindestens 5 befreundete Familien betroffen hätten, hätten sie nur 2-3 Stunden früher stattgefunden. Und noch jetzt, während ich schreibe, bekomme ich Gänsehaut wenn ich daran denke, wie oft ich mit meinen beiden Kindern an der Hand exakt über die Stellen gelaufen bin, an denen sich die Attentäter in die Luft gesprengt haben. 



Es macht mich unendlich traurig, dass unsere Geschichte dieses Ende nehmen musste und noch mehr, dass deine Geschichte, mein geliebtes Istanbul, wohl in naher Zukunft kein Happy End nehmen wird. Doch wir nehmen ein Stück mit von dir, von deiner Gelassenheit. Schon bald werden wir uns nicht mehr dabei ertappen, Fremden "çok yaşa" oder "afiyet olsun" zu wünschen. Doch meine çay makinesi in der Küche bleibt genauso wie das schillernde Bild vom Kiz kulesi und all unsere wunderbaren Erinnerungen. Und eines Tages, da bin ich mir ganz sicher, werden wir wiederkommen. Wir werden an der Promenade von Büyükcekmece spazieren gehen, in Florya die Flugzeuge beobachten, auf dem Beylik Pazar frische Feigen kaufen, neben dem Galataturm çay trinken, Leder im Kapalı Çarşı kaufen und türkischen Kaffee bei Mehmet Efendi neben dem Gewürzmarkt, wir werden im Schwarzen Meer baden und zu Abend essen bei Sonnenuntergang über dem Goldenen Horn. Wir werden die Nacht zum Tag machen in Taksim mit türkischer Livemusik, morgens um 4 einen Islak Burger verdrücken und ganz bestimmt- darauf gebe ich dir mein Wort- werde ich eine Bosporustour machen. Mit Mustafa, der meinen Strafzettel kurz vor unserem Abschied bezahlt hat.
 

Seni seviyorum, Istanbulcım!

Kommentare:

  1. Wunderschöner Text über eine der schönsten Städte, die ich kenne. Ich wünsche euch auch an eurem neuen Ziel einen guten Start!

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