Dienstag, 1. Dezember 2015

Wann es nervt, Expat in der Türkei zu sein

Bosporus-Idylle mit fragwürdiger Bürokratie

Ich hatte euch ja mehrfach von lustigen, netten und wundersamen Begegnungen und Gepflogenheiten in der Türkei erzählt. Ganze eineinhalb Jahre Leben wir mittlerweile schon in Istanbul und egal welche Stolpersteine uns so in den Weg geworfen wurden, haben wir bislang doch immer versucht, uns auf das Positive zu konzentrieren und uns das Leben nicht schwer machen zu lassen.
Auch wenn ich noch nicht darüber berichtet habe- es gibt sie natürlich: Die Schattenseiten.
Und an manchen Tagen kann mich auch mein Humor nicht über Hürden und bürokratischen Unsinn hinwegtrösten. Dann bin ich nur noch eines: genervt.

So wie in den letzten Wochen. Ich möchte niemanden abschrecken aber zukünftigen Auswanderern dennoch raten, sich mental auf nervenaufreibenden Wahnsinn einzustellen. Daher ein kleiner Einblick in unsere unliebsamen Freizeitbeschäftigungen:




Seit unserer Ankunft in Istanbul mussten wir uns nun schon zum dritten Mal um die Aufenthaltsgenehmigung für die Kinder und mich kümmern. Den Papierkram für meinen Mann erledigt glücklicherweise sein Arbeitgeber.

Drei Anträge und zwei Bewilligungen haben wir bereits hinter uns (die dritte steht nun aus) und man könnte annehmen, wir wären mittlerweile geübt in diesem ganzen Papierkram.
Leider "optimieren" die Behörden jedoch das Antragsverfahren fortlaufend. Das führt dazu, dass das Prozedere jedes Mal andere groteske Ausmaße annimmt.


Anträge werden nicht mehr bei der Ausländerbehörde, sondern online gestellt. Das wäre unter Berücksichtigung der Tatsache, dass auf der Ausländerbehörde kein einziger Mitarbeiter einer Fremdsprache mächtig ist und die Termine nur durch ein zeit-und nervenaufreibendes Onlineverfahren vergeben wurden, eigentlich eine Erleichterung. Wenn denn das "neue" System funktionieren würde. So haben wir dieses Wochenende in etwa 10 Stunden damit verbracht, 3 Anträge einzugeben und abzusenden. "Internal System Error" war das Ärgernis des Sonntags und wenn da nicht Kinder und Vorbildfunktion wären, hätte ich mich sicher dazu hinreißen lassen, "Fuck the System!" -brüllend Amok zu laufen.

Dabei waren die Anträge nur die Spitze des Eisbergs. Tatsächlich haben wir nämlich die letzten beiden Monate einen Großteil unserer Freizeit damit verbracht, alle erforderlichen Anlagen zu den Anträgen zusammenzutragen.

Unnötig zu erwähnen, dass eine Bescheinigung über den Wohnort nicht mehr bei derselben Behörde wie letztes Jahr zu erhalten war und wir 3 Behörden in einem anderen Stadtteil aufsuchen mussten, um einen zuständigen Mitarbeiter aufzuspüren. Dieser schickte uns sodann wieder nach Hause, da er nämlich zwischen 12 und 13 Uhr keine Bescheinigungen erstellt. Da trinkt er lieber Tee. Nachmittags ließ er sich dann dazu herab, das Dokument auszustellen. Leider bemerkten wir erst zu Hause, dass dem gnädigen Herrn ein kleiner Fehler unterlaufen war. Der zweite Vorname meines Mannes lautet nämlich „Hans“ und nicht „Hasan“. Aber wen kümmern schon Details. 


Ein Führungszeugnis aus Deutschland, das frisch vor unserem Umzug erstellt wurde, war den Behörden mittlerweile zu "alt". Wir sollten ein neues anfordern. Besonders sinnvoll unter Anbetracht der Tatsache, dass es seitdem ohne Wohnsitz in Deutschland gar keine Eintragungen geben kann.
Aber wer hinterm Schalter sitzt gewinnt, und so haben wir 3 Wochen auf einen Termin beim deutschen Konsulat gewartet, einen Tag dort verbracht um unsere Identität auf dem Antrag verifizieren zu lassen und dann mehrere Wochen auf das Eintreffen des Führungszeugnisses hingefiebert, das selbstverständlich noch von einem Notar übersetzt werden musste.


So wie auch Geburtsurkunden der Kinder und unsere Papiere zur Eheschließung.

Einzureichende Gehaltsnachweise werden hier nur im Original mit Stempel und Unterschrift des Arbeitgebers akzeptiert und so ging ein weiterer Tag für dieses Unterfangen flöten. Denn so eine Buchhaltung hat nicht immer offen. Wenn man es während der Öffnungszeiten schafft, die richtige Abteilung aufzusuchen braucht man nur noch etwas Glück und einen anwesend Mitarbeiter mit den erforderlichen Befugnissen. Wenn dieser dann trotz Kommunikationsbarrieren auch noch über eine funktionierende Internetverbindung und Lust verfügt, hat man es schon beinahe geschafft.

Dann fehlt nur noch eine Bescheinigung über die Krankenversicherung im beantragten Aufenthaltszeitraum. Diese gilt es selbstverständlich am anderen Ende der Stadt höchstpersönlich abzuholen. Aber erst im Januar. Denn vorher werden keine Bescheinigungen ausgestellt. Vielleicht auch erst im Februar. Aber wer weiß das schon. Dass meine Familie ohne dieses Dokument zum illegalen Aufenthalt gezwungen wird, interessiert keinen. Man könne ja die Versicherung wechseln. Gesagt, getan. 

Nach der Kündigung der alten und dem Abschluss einer neuen Versicherung mussten wir für das Dokument dann nur noch ein Amt in unserem Bezirk aufsuchen, uns nach der zuständigen Abteilung erkundigen, zur Vorsprache dort eine Nummer ziehen um nach einer Stunde Wartezeit zu erfahren, dass wir doch in der falschen Abteilung gelandet wären.
Also wurde eine neue Nummer gezogen und nachdem wir nur auf 70 Menschen (keine Übertreibung, sondern Tatsache!) vor uns warten mussten, hatten wir sogar Glück. Denn in der besagten Abteilung gab es einen Mitarbeiter, der gebrochen Englisch sprach. Wir mussten also nur noch warten, bis dieser seine Selfie-Session mit den charmanten Kolleginnen beendet und seine Instagram-Posts vollendet hatte und dann fanden wir endlich Gehör. Leider schickte uns der nette Herr nochmal nach Hause, um die übersetzten Geburtsurkunden unserer Kinder zu holen. Wir einigten uns darauf, dass wir in einer halben Stunde wiederkommen dürften, ohne eine neue Nummer zu ziehen.
Bei unserer Rückkehr exakt eine halbe Stunde später war der betreffende Sacharbeiter allerdings ausgeflogen. Mittagspause wie wir erfuhren. Wir sollten in einer Stunde wiederkommen.
Nur 6 Stunden nach unserer ersten Ankunft in der Behörde konnten wir an diesem Tag stolz den Heimweg antreten. Mit dem richtigen Dokument. Mission completed.


Ich denke, langsam dämmert es euch, warum wir ein Vierteljahr vor Antragsstellung damit begonnen haben, die nötigen Unterlagen zusammenzutragen. Die Erfahrung hat uns eines gelehrt: Genug Zeit einzuplanen. Und Geld. Und Nerven.

Immerhin haben wir letzten Sonntag unsere Anträge final online abgeschickt. Mussten dann gestern nur noch die anfallenden Gebühren bezahlen. Auf 2 verschiedenen Ämtern (nicht dieselben wie letztes Jahr) und in 2 unterschiedlichen Währungen versteht sich. Mit den Quittungen waren dann unsere Unterlagen vollständig. Heute konnte ich sie gesammelt zur Post bringen und meinen Schreibtisch damit um einige Kilo entlasten.
 

Glücklicherweise hatte ich für den Gang zur Post bereits den halben Tag eingeplant und so war es nicht weiter tragisch, dass man mich in der Filiale auf eine Supermarktkette verwies, als ich nach großen Umschlägen fragte. Und im Supermarkt auf einen anderen Supermarkt. Und in diesem anderen Supermarkt (der sogar tatsächlich Umschläge verkaufte, allerdings nur für Postkarten) an eine Schreibwarenkette. Denn in diesem Geschäft erhielt ich tatsächlich die gewünschten Umschläge und war dann völlig entspannt, als man mir zurück in der Postfiliale erklärte, dass dort keine Expresssendungen möglich wären. Ich musste mich also nur noch 1,5 Stunden im Stau bis zum Flughafen quälen, dort 20 Minuten Sicherheitskontrolle über mich ergehen lassen und bin dann den Ballast bei der dortigen Postfiliale losgeworden. Express versteht sich.

Nun bin ich wieder eine freie Frau. Was die Anspannung betrifft. Und legal außerdem. Zumindest falls meine Unterlagen bei der Behörde ankommen und dort keine Anlagen verloren gehen. Mit etwas Glück bekomme ich dann in 4 bis 12 Wochen meine neuen Papiere. Und dann habe ich immer noch ein sorgenfreies Leben- für ein paar Wochen bis ich mich wieder um die Unterlagen für den nächsten Antrag kümmern sollte. Aber zum Glück weiß ich ja jetzt, wie's geht.

Kommentare:

  1. Jeder, der behauptet, dass die indische Bürokratie die chaotischste der Welt wäre, kennt die türkische nicht. Ich muss immer an "Asterix und Das Haus das verrückte macht denken! " Gott sei Dank hatte ich bisher nur zwei mal was damit zu tun. Hut ab! Dass du da noch "normal" bleiben kannst! ��

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    1. Ja das trifft es ziemlich gut :-).
      Verrückt wird man wirklich. Vor allem dann, wenn man von Mitarbeiter zu Mitarbeiter geschickt wird und nach einigen Stunden doch wieder vor dem ersten steht ;)

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  2. Net weinen..Mit bissele Integrationswillen kann das alles doch net sooo schwer sein :) Man sagt ja, obwohl ich anderer Meinung bin, das Integration eine Bringschuld ist. Love it or leave it :)

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    1. Zum Glück kann man Istanbul auch lieben ohne dass man die Bürokratie gutheißen muss ;-).
      Übrigens habe ich mittlerweile von vielen Türken das Feedback bekommen, dass diese Dinge kein "Ausländerproblem" sind. Auch die Einheimischen werden von den Beamten in die Verzweiflung getrieben. Am mangelnden Integrationswillen liegt es also anscheinend nicht ;-).

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  4. wir erledigen bei uns im Büro wöchentlich mehrere Ikamet-Anträge. "Internal server error" kam noch nie vor. ein Online Antrag dauert etwa 15 Minuten.
    Führungszeugnis wird m.E. NUR bei der unbefristeten Aufenthaltserlaubnis gefordert, dann muss es auch ein TÜRKISCHES sein.
    Dass zwischen 12 und 13 Uhr ausnahmslos ALLE Ämter in der Türkei geschlossen haben und nicht gerade dieser eine Mitarbeiter "lieber Tee trinkt", sollte sich selbst bei Expats herumgesprochen haben.
    Auch in Deutschland muss man seine Briefunschläge mitbringen, wenn man einen Brief schickt, und Kirtasiye (Schreibwarenläden) gibt es doch nun wirklich in jeder Ecke. Oder sollte Istanbul da schlechter versorgt sein als unser provinzielles Alanya??
    Ausserdem wird die Gebühr zwar in Dollar ausgewiesen, aber ist in TL zu bezahlen. Auch hier schwer vorstellbar, dass das Procedere in der Weltstadt Istanbul so viel schwerer ist als in unserem Provinzkaff...
    Aber dann wäre natürlich nicht so ein lustiger Blogbeitrag rausgekommen.

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    1. Liebe Martina,

      freut mich zu hören, dass es anscheinend auch Ausnahmen gibt und manche mit dem System zurechtkommen.
      Welche Anlagen zu den Anträgen eingereicht werden, entscheidet immer noch der zuständige Beamte. Und das müssen montags nicht die selben sein wie mittwochs ;-).
      Aber nicht nur bei den zuständigen Sachbearbeitern scheint Unsicherheit zu herrschen, was denn nun alles dabei sein sollte. Auch das Onlinesystem hat mir für unsere 3 Anträge jeweils 3 unterschiedliche Listen ausgespuckt, was mit in den Umschlag soll. Die Unstimmigkeiten zogen sich durch bis zur ANzahl der Passbilder obwohl doch die Sachlage für alle Fälle die selbe sein sollte ;-).
      Übrigens haben wir alle Ämter während ihrer kommunizierten Öffnungszeiten aufgesucht und Briefumschläge bekommt man in Deutschland bei der Post ;-).
      Auch wenn es für dich schwer zu glauben sein scheint, dass sich das alles so zugetragen hat. Ich kann dir reinen Gewissens bestätigen: Es war tatsächlich so :-).
      Damit bin ich wohl nicht die Einzige, denn wenn bei uns im Freundes- und Bekanntenkreis Erfahrungsberichte zum Thema "Ikamet" ausgetauscht werden könnte man meinen, es träfe sich eine Selbsthilfegruppe Tourette-Erkrankter.
      Wie dem auch sei- anscheinend kümmerst du dich ja beruflich um die Anträge anderer und kannst dich in diesem Fall darüber freuen, dass Menschen wie ich an dem System verzweifeln. Ich bin mir sicher, die Kundschaft wird euch nicht ausgehen ;-).

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  5. In 1,5 Jahren haette man aber schon so viel Türkisch lernen können, dass man auf einer Behörde klar kommt. Und dass man Umschlaege in der kirtasiye kriegt, sollte doch auch nach der Zeit drin sein...

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    1. Ich glaube das Problem ist nicht die Sprachbarriere, sondern dass eigentlich keiner weiss, was wo wie und bei wem abzuholen oder einzureichen ist und wer für welche Dokumente zuständig ist. Und grade wenn es um Ämter und Fachvokabular zu diversen Unterlagen geht ist es als Nicht-Muttersprachler schon besonders schwierig, das verworrene System zu begreifen ;-).

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  6. Wenn man mit der U-Bahn zum Flughafen fährt dauert es keine 1,5 Stunden und die Sicherheitskontrolle im Keller dauert höchstens 5 Minuten. Wie wäre es mit ein paar Worten Türkisch???? Ist gar nicht so schwer zu lernen.

    Man will in dieser Stadt doch nicht rumlaufen, wie eine Taub-Stumme Person...

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    1. Unter Anbetracht der Tatsache, dass erst gestern ein Bombenanschlag an einer Metrostation stattgefunden hat, bin ich dann doch ganz froh, dass ich seit den Terrorwarnungen der deutschen und internationalen Behörden öffentliche Verkehrsmittel in den letzten Wochen meide.
      Und selbstverständlich spreche ich "ein paar Worte" Türkisch und laufe weder taub noch stumm durch die Stadt ;-).
      Geholfen hat mir das leider trotzdem nicht.

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  7. Ich frage mich gerade, ob der Nüfüs nun auch nicht mehr das ist, was er mal war oder ich nicht in Istanbul lebe. Da latscht man in dem Stadtteil, in dem man wohnt, zur Nüfüs Müdürlüğü, hat den Mietvertrag oder irgendeine Rechnung auf den Namen dabei und meldet sich da an. Drei verschiedene Behörden und ein anderer Stadtteil? Wieso das denn? Geandert hat sich da auch nichts. Der Nüfüs war immer schon der Nüfüs und der Muhtar der Muhtar (zu dem latscht man dann naemlich mit dem Zettelchen vom Nüfüs und meldet sich ebenfalls an). Auf den Behörden ist man generell sehr hilfsbereit, und vor allem dann, wenn man sieht, dass der Auslaender sich -wenigstens rudimentaer- versucht, auf Türkisch verstaendlich zu machen. Viele Expats fegen aber wie die Kolonialherren durch die Institutionen und verlangen ihren englischsprachigen Service und da darf man sich nicht wundern, wenn gebockt wird. Und die Mittagspause wird dem Herrn ja wohl noch gegönnt sein, oder?

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    1. Wo du lebst weiss ich leider nicht. Anmelden mussten wir uns nirgends, das sind wir ja schon lange.
      Wir haben nur eine Bestätigung benötigt, dass sich unser Wohnsitz nicht geändert hat. Diese erhielten wir im Dezember 2014 noch in Beylikdüzü. Das selbe Amt hat uns nun nach Büyükcekmece bzw Bakiröy verwiesen. Wer das wann und wieso geändert hat, kann ich dir leider nicht sagen.
      Und wie ein Kolonialherr fege ich nirgends, eher wie die Dienstmagd sobald ich in einer Behörde bin ;-). Inklusive gebrochenem Türkisch versteht sich. Da wird mir die Verwunderung über das undurchschaubare System doch wohl noch vergönnt bleiben, oder?

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  8. Ich kenne das, inklusive dem Bedürfnis, es aufzuschreiben, allerdings aus China. Da ist es ähnlich ... :-)

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Was meinst du?