Mittwoch, 15. April 2015

"Mutige Mütter" Mittwoch Teil 9


70% aller Mütter mit Kindern unter 15 Jahren sind in Deutschland berufstätig.
Etliche sind unzufrieden, unterbezahlt und ihre Tätigkeit zapft noch nicht mal ihr Potenzial an.
Viele Arbeitgeber bieten Teilzeitkräften keine Möglichkeit, sich zu entfalten oder weiterzuentwickeln.
Mamas Lifestyle stellt euch nun an außgewählten Mittwochen beeindruckende Mütter vor, die es geschafft haben, ihre eigenen Ideen und Träume zu verwirklichen. Diese mutigen Frauen beweisen, dass es niemals zu spät ist, ein Projekt zu starten, für das man mit Leidenschaft brennt.



Heute im Interview: Sabine Maier



"Familie und Arbeit ließen sich gut vereinbaren.
Familie und Karriere aber nicht."


Sabine ist 47 Jahre alt, seit 16 Jahren mit ihrem Mann verheiratet und hat 3 Kinder im Alter von 6 – fast 15 Jahren. Nach ihrem BWL-Studium arbeitete sie 15 Jahre bei der BMW AG im Controlling. Nach der Geburt ihrer ersten beiden Kinder ging sie ohne Elternzeit voll motiviert in Teilzeit über. Als sich während Sabines dritter Schwangerschaft die Grenzen ihrer Entwicklungsmöglichkeiten abzeichneten, verabschiedete sie sich kurzerhand von der Präsenzkultur des Großkonzerns und wagte den Schritt in die Selbstständigkeit.
Heute entwickelt und vertreibt sie einzigartige Schmuckstücke, die Gläser auf originelle Art kennzeichnen. Dafür hat sie ein Büro angemietet und betreibt einen Onlineshop.


Auf Mamaslifestyle erzählt die Unternehmerin, welche Hürden sie nehmen musste und wie sie ihren Alltag organisiert.





Wie sah nach dem Schulabschluss/ zu Beginn deiner beruflichen Karriere der „große Plan“ vom Leben aus?

Mit ungefähr 24 hat mich der berufliche Ehrgeiz gepackt. Mein Ziel war es, Führungskraft zu werden. Kinder wollte ich auch, aber über Vereinbarkeit von Karriere und Familie habe ich mir zu dieser Zeit überhaupt keine Gedanken gemacht. 


Du kommst aus der BWL und hast lange Zeit im Controlling gearbeitet.
Während dieser Zeit hast du 3 Kinder bekommen. Hat diese Erfahrung deine Einstellung zum Beruf verändert?

Nein, mein Ehrgeiz und mein Verantwortungsbewusstsein sind bis heute eigentlich unverändert. 


Wie gut ließ sich deine Arbeit als Angestellte mit dem Familienleben vereinbaren?
Wie sah deine klassische Woche damals aus?

Arbeit und Familie ließen sich gut vereinbaren. Ich hatte eine Kinderfrau, die ins Haus kam. Da war ich nicht so starr an Öffnungszeiten von Kitas gebunden und musste mir keine Sorgen machen, wenn die Kinder mal krank waren.

Anfangs waren es zwei ganze und ein halber Bürotag. Dann, als die beiden Großen im Kindergarten waren, wurden daraus vier Präsenztage. Zu Aktivitäten, wie Musikschule oder Turnen konnte die Kinderfrau fahren, so hatten wir die übrigen Tage nahezu frei.


2011 wagtest du aus der Elternzeit den Schritt in die Selbstständigkeit. Wie kam es dazu?

Familie und Arbeit ließen sich gut vereinbaren. Familie und Karriere aber nicht. Als ambitionierte Potenzialkandidatin kämpfte ich mit der Präsenzkultur des Konzerns. Alles was auf Fluren, beim Essen, am Abend oder spontanen Treffen zustande kam, lief ohne mich. Das aufzufangen war ein Kampf gegen Windmühlen und kostete mich viel Kraft.

Als ich mit dem dritten Kind schwanger war, kam mir ein Sparprogramm des Unternehmens in die Quere. Mein Chef organisierte meine Stelle in die Zentrale zurück, für meine berufliche Planung waren das 2 Schritte zurück, denn ich wollte aus dem Controllingbereich raus und nicht tiefer hinein. Sein Kommentar: „Aber Frau Maier, sie werden doch mit drei Kindern nicht mehr arbeiten wollen“.

Das war der Anfang vom Ende. Es folgte viel Frustration und schließlich der Entschluss, dieses Arbeitsverhältnis zu beenden. Eine Selbständigkeit hatte mich schon immer gereizt, doch es fehlte zu dieser Zeit die passende Geschäftsidee.

Ich schloss also erstmal mit meinem alten Arbeitgeber ab, ohne einen konkreten Plan zu haben, wie es weiter gehen würde. Wie es der Zufall wollte, kam der dann doch schneller als erwartet.


Von der Idee bis zur Umsetzung deines Unternehmens: Welche Schritte musstest du gehen und wie lange dauerte es, bis du dein Vorhaben realisieren konntest?

Das ging ganz schnell. Noch bevor ich den Aufhebungsvertrag unterschrieben hatte, im Januar 2011, dachte ich das erste Mal darüber nach, Glasmarkierer herzustellen und zu verkaufen.

Im April meldete ich ein Gewerbe im Nebenberuf an, um meine Produkte auf einer Weinmesse zu zeigen.

Im Juni war mein Arbeitsverhältnis dann beendet und ich musste eine Entscheidung treffen: Selbständigkeit wagen oder neuen Job suchen. Genau einen Tag war ich arbeitslos, dann selbständig. Den Businessplan hatte ich kurze Zeit später auch schon geschrieben.

Nachdem ich als Solopreunesse begann, gab es keine großen Risiken abzudecken, ich brauchte kein oder nur ein kleines Startkapital, keine Angestellten…. 


Wie hat dein Umfeld auf deine berufliche Neuorientierung reagiert? Durftest du Unterstützung erfahren oder musstest du auch gegen Skepsis kämpfen?

Es wurde fast ausnahmslos als Aufgabe der Berufstätigkeit gewertet. Erst seitdem ich vor ca. einem Jahr ein eigenes Büro bezogen habe, nimmt mein Umfeld wahr, dass ich tatsächlich arbeite und das kein „Hausfrauenbasteln“ ist, was ich da tue.

Über Fragen, wie „Machst du das eigentlich noch?", "Lohnt sich das jetzt?" oder Ähnliches habe ich mich anfangs etwas aufgeregt. Nachdem mittlerweile das Resultat meiner Arbeit auch für Laien gut erkennbar ist, verstummen die Stimmen langsam und es schlägt um zu „Ist ja toll, dass du dir jetzt ein Büro leisten kannst“ – auch darüber kann ich nur schmunzeln…Meist ist es ja nicht böse gemeint, sondern nur Unwissenheit.

Was ich da Alles in Allem stemme, versteht glaube ich kaum einer. Das brauche ich aber auch nicht, um mich zu motivieren.


Welche Hürden musstest du nehmen, um dein Business zu etablieren?

Das waren sehr viele. Aber gerade das war und ist das, was mich so reizt.

Als Solopreneusse musst du ein Allrounder sein. Zudem möchte ich alles verstehen, bevor ich unternehmerische Entscheidungen treffen und handeln kann. Also habe ich mir mehr oder weniger autodidaktisch sehr viel Wissen über Produktfotografie, Webdesign, Wordpress, Shopsysteme, Html, Suchmaschinenoptimierung, Pressearbeit, Social Media, Onlinemarketing, Vertrieb, AGB, Datenschutz, Verbraucherrichtlinie, Arbeitsschutz und und und… (die Liste ist sehr lang) angeeignet.

Behördliche Auflagen gibt es leider viel zu viele. Gerade bekam ich eine Betriebsprüfungsankündigung vom Sozialversicherungsträger und die Berufsgenossenschaft hat den Betrieb auch schon besichtigt. Die Betriebsgröße ist leider für solche Dinge absolut unerheblich.

Zwischenzeitlich habe ich eine gewisse Gelassenheit entwickelt und glaube, die Risiken gut einschätzen zu können. Es wird auch viel Panik gemacht und einige verdienen kräftig damit.

Das soll nicht heißen, dass man schlampig sein darf, im Gegenteil! Aber nicht immer braucht es einen teuer bezahlten Experten, um durch den Behörden- und Rechtsdschungel zu kommen.


Hast du eine Art Unternehmensphilosophie?

Der Einkauf in meinem Shop soll unverwechselbar sein. Eine Freude von Anfang an.

Dazu gehören Dinge wie bequeme und sichere Zahlweisen, verschiedene zur Verfügung stehende Versandoptionen, eine Versandbenachrichtigung mit Sendungsverfolgung. Wenn das Paket beim Kunden ankommt, soll schon das Öffnen der Versandverpackung eine Freude sein.

Das gesamte Einkaufserlebnis soll dem Kunden in guter Erinnerung bleiben.



Entwickelte sich dein Unternehmen von Anfang an deinen Erwartungen entsprechend?

Nein, nach fast 15 Jahren in einem erfolgreichen großen Unternehmen glaubt man ja, alles zu können. Wie hart Akquise für einen Laien ist und was es bedeutet, ein quasi unbekanntes Produkt online zu verkaufen, habe ich total unterschätzt.

Finanziell habe ich meine anfänglichen Erwartungen bis heute noch nicht erfüllt. Dafür habe eine andere, noch wichtigere Erwartung, mehr als erfüllt: Ich wollte einen Job, in dem ich meine Ideen umsetzen kann und eine Aufgabe, die mich jeden Tag aufs Neue fordert. Verantwortung wollte ich übernehmen. Zwar habe ich nur ab und an Mitarbeiter, aber ich kann sagen, dass ich ein kleines Unternehmen führe. Das erfüllt mich und macht mich glücklich.

Mein Know-How das ich mir in den letzten vier Jahren angeeignet habe, ist darüber hinaus durchaus ein Kapital, aus dem sich Erträge schöpfen ließen.

Aber auch wenn mir das gerade wieder angeboten wurde... viel schöner finde ich es, weiter zu lernen und zu sehen, was ich mit meinen Ideen alles erreichen kann. 


Gab es je einen Zeitpunkt, zu dem du an deinem Projekt zweifeltest und dir nach „Handtuch werfen“ zumute war?

Nicht ernsthaft. Es gibt immer wieder Zeiten, da steht das Private im Vordergrund und fordert meine ganze Aufmerksamkeit. Ich habe das große Glück, dass ich nicht zum Familieneinkommen beitragen muss.

Ich mache mir dann immer klar, welch ein Luxus das ist und freue mich, wenn ich wieder Vollgas für mein Business geben kann.



Wie sieht dein Alltag mittlerweile aus?

Um 7 Uhr beginnt mein Tag im Büro. Dort bleibe ich bis das erste Kind mittags aus der Schule kommt. Bis wir gemeinsam mit allen essen und immer wenn sich ein Zeitfenster ergibt, arbeite ich am Netbook.

Montags ist Fußball, Reiten und Leichtathletiktraining parallel und an 3 verschiedenen Orten. Ich pendle zwischen 16 und 19 Uhr zwischen diesen Orten. Dienstags bis donnerstags fahre ich am späten Nachmittag einfach 60 km zum Fußballtraining meines Sohnes, dort nutze ich die Zeit für Erledigungen und Einkäufe.

Wenn ich meist gegen 20.30 Uhr nach Hause komme, gehört die nächste Stunde komplett der Familie. Meist gibt es im Haus noch ein paar Dinge, die erledigt werden müssen… Was mit drei Kindern zwischen 6 und 15 Jahren noch alles zu bewältigen ist, kann sich jeder gut vorstellen.

Am Abend muss ich immer nochmal nach dem Rechten schauen, ein kurzer Blick auf die eMails, die Anzahl der Shopbesucher und die Benachrichtigungen auf Facebook. Das ist mir wichtig, denn ich möchte wissen, was mich am nächsten Tag erwartet.


Auf welche Unterstützung von außen bist du beruflich und privat angewiesen?

Meine Tochter passt häufig auf ihren kleinen Bruder auf. Mit einer Freundin habe ich ein Deal: Dienstags kommt ihr Sohn nach Schule mit zu mir und am späteren Nachmittag nimmt sie meinen Sohn mit zu ihr, damit er nicht mit zum Training fahren muss.

Die Putzfrau kommt für drei Stunden die Woche. Mein Mann übernimmt am Wochenende die Fahrten zu den Punktspielen und Turnieren.

Beruflich ist es auch meine Tochter und eine Bekannte, die mir in der Produktion helfen, wenn es Engpässe gibt.

Bei Updates im Shopsystem, Komplexeren Website oder Shopanpassungen bin ich auch auf Hilfe angewiesen.

Meine Familie kann mich leider nicht unterstützen- im Gegenteil: wir sind eher die, deren Hilfe gefragt wäre….


Bist du zufrieden mit deiner Work/Life Balance?

Ja! Wäre ich es nicht, würde ich es sofort ändern.

Gibt es etwas, das du gerne vor dem Schritt in die Selbstständigkeit gewusst hättest?

Nein, es gibt ja genug Information und Beratung für Gründer. Zumindest, was das Allgemeine angeht. Alle anderen Erfahrungen musste ich selbst machen. 


Eine Erfahrung, die dir gerne erspart geblieben wäre?

Nein und wenn, würde ich es nie so sagen. Für mich haben Erfahrungen immer etwas Positives und um weiter zu kommen, muss man sie machen.


Hast du einen „guten Rat“ für Mütter, die mit dem Gedanken an eine Selbstständigkeit spielen?

Ja, unbedingt finanzielle Ziele definieren und gut rechnen. Sollen Altersvorsorge, Verdienstausfall, Krankversicherung auch verdient werden, dann muss das in den Preisen drinstecken. Leider rechnen viele schlichtweg falsch.

Selbständig arbeiten heißt meistens auch mehr arbeiten. Es vereinnahmt sehr und die Verantwortung für den Erfolg kann schwer lasten. Wer Sicherheit möchte und auf einen Verdienst angewiesen ist, sollte diesen Schritt nicht gehen.


Rückblickend betrachtet: Welche Vor- und Nachteile brachten jeweils die Tätigkeiten als Angestellte/Selbstständige mit sich?

Als Angestellte ist das Geld relativ leicht verdient, man ist gut abgesichert, hat klare Arbeitszeiten, Urlaubsanspruch, Absicherung in Krankheitsfall und bekommt irgendwann eine Rente.

Dafür kann es frustrieren, dass man seine Ideen nicht einbringen und umsetzen kann und die berufliche Weiterentwicklung klare Grenzen hat.

Als Selbständige hat man viele Entwicklungschancen. Man braucht aber eine ganze Latte an Unternehmereigenschaften, damit man zum Erfolg kommt: Eigenmotivation, Durchhaltevermögen, Selbstbewusstsein, Lernfähigkeit, Risikobereitschaft und Kommunikationsfähigkeit, ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft….

Die Sozialabsicherung muss man sich neben dem monatlichen Verdienst komplett selbst erarbeiten. Da ist harte Arbeit gefordert.

Die flexiblen Arbeitszeiten sind natürlich toll, man muss aber auch eine gewisse Disziplin aufbringen, sonst geht das nach hinten los.


Welche Wünsche hast du für die Zukunft?

Die Familie soll gesund und glücklich sein. Beruflich möchte ich noch mehr lernen und mich immer wieder neu herausfordern können. Wenn das dann noch ein Stück zum Familieneinkommen beiträgt, ist es perfekt. 

Ich wünsche Sabine, dass sich diese Wünsche erfüllen und sie weiterhin mit so viel Leidenschaft und Freude an ihrem Projekt arbeiten kann und bedanke mich von Herzen für dieses spannende Interview!

Wer sich für ihre bezaubernden Produkte interessiert, sollte unbedingt auf ihrer Website oder dem Webshop vorbeischauen (Achtung, ihr werdet euch eine ganze Weile nicht losreißen können!):



Sabine Maier
Blumenstr. 2
85598 Baldham,
Tel. 08106 / 999 5 110
info@weingalsringe.de

Herstellung und Vertrieb von Glasmarkierer Schmuckstücken


 

1 Kommentar:

  1. Ein motivierendes und ermutigendes Interview. Ich bewundere vor allem den Schritt, den Sabine wagte, mit einem vielen unbekannten Produkt "online" zu gehen. Die Hürden, die dabei zu nehmen sind, kann ich mir sehr gut vorstellen. Und erst recht den Aufwand, den die Familie kostet, ich habe selbst vier Kinder. Als ich mich gegen die "Sicherheit" des Großverlags und für die große Freiheit in selbständiger Journaille entschied, war das auch die richtige Entscheidung, um Karriere und Familie zu vereinbaren. Ich wünsche Sabine immer genug Gläser auf dem Tisch!

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