Samstag, 23. August 2014

Trotzphase - Wie wir mit Wutanfällen umgehen


Wir kämpfen schon lange mit Wutanfällen

Kleinkinder stehen sich oft selbst im Weg
Ich habe keine Ahnung, in welchen Abschnitt des kurzen Kleinkind-Lebens Experten die allgemeine bekannte "Trotzphase" packen. Unsere geht gefühlt schon mehrere Jahre. Na gut, um ehrlich zu sein wird der Zwerg im Herbst 3 und die Wutanfälle begannen erst, als sie schon sehr genau artikulieren konnte, was sie denn gerne hätte. Und genau da liegt wohl auch der Hund begraben. Seit das Kind nämlich Forderungen stellen kann, erwartet es auch, dass diese erfüllt werden. Immer. Sofort. Versteht sich. Durch eiserne Konsequenz (die Gute-Nacht- Geschichte gibt's erst nach dem Zähneputzen etc.) habe ich Wutanfälle dieser Art mittlerweile auf ein Minimum beschränken können. Was uns immer noch beinahe täglich im Weg steht ist die Frustration. "Selber machen!" war einer ihrer ersten Zweiwortsätze. Ich möchte nicht undankbar sein. Natürlich ist das eine wunderbare Sache, wenn das Kind selbst um Eigenständigkeit bemüht ist und eines Tages (das Licht am Ende des Tunnels) werde ich mich wohl darüber freuen wenn Zwerg sich selbst anzieht oder sich morgens alleine ihr Brot schmiert. Aber dieser Zeitpunkt ist nicht jetzt. Die Geduldigste ist sie nicht, das könnte sie unter Umständen aus meinem Gen-Pool geangelt haben. Egal ob der Reißverschluss klemmt, das Playmobil-Baby sich nicht akkurat in seinen Wagen legen lässt oder ihre gutgemeinte Hilfe beim Kochen nicht erfolggekrönt ist - alles was schief läuft artet binnen weniger Sekunden in panische Hysterie aus. Und dann nimmt das Drama auch schon seinen Lauf. Sie zu besänftigen ist unmöglich. Wenn ich sie ignoriere steigert sie sich noch mehr hinein und ruft um Hilfe. Wenn ich versuche zu helfen, kreischt sie sich erst richtig in Rage. Auch der Versuch, das Problem gemeinsam zu lösen scheitert regelmäßig kläglich. Beratungsresistent ist sie außerdem auch. Beschwichtigen oder Ablenken scheint in unserem Fall auch nicht die goldene Lösung zu sein. Nach dieser Suche ich nun mittlerweile seit über einem Jahr und gebe zu, etwas resigniert zu sein.

Es kommt noch schlimmer

Vor einigen Monaten schaffte sie dann, das Fass zum Überlaufen zu bringen. Ihre Wutanfälle beschränkten sich nicht mehr auf den Ärger über sich selbst oder den Gegenstand, der nicht tat, was sie wollte. Sie fing an, ihre Wut auch auf mich und die anderen Familienmitglieder zu richten. Es fällt schwer, das ausreichend zu beschreiben denn sie wurde nie "handgreiflich" wie ich es schon von anderen verzweifelten Müttern gehört habe. Sie sagte auch keine gemeinen oder unangemessenen Sachen. Sie schrie mich einfach an. So laut, wütend und hasserfüllt dass sich mir die Nackenhaare aufstellten. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich sie in ihrer Wut immer gewähren lassen. Ich hatte ja genug darüber gelesen, wie machtlos Kleinkinder sich selbst in diesen Situationen fühlen und dass sie lernen müssen, mit ihrer Frustration umzugehen. Dass Kinder ihre Wut nicht unterdrücken können und sollten und dass sie ein Ventil benötigen. Aber dass Aggressionen gegen Familienmitglieder gerichtet werden, das ging mir dann doch zu weit.

Unsere Lösung war so simpel wie effektiv

Ich nahm sie in diesen Situationen ruhig beiseite, erklärte ihr, dass ich nicht angebrüllt werden möchte. Zu Beginn ging das nicht, denn in diesen Momenten schien ich sie mit meinen Worten überhaupt nicht zu erreichen. Sie war blind und taub für das, was ich sagte oder tat und ganz in ihrer Wut gefangen. In meiner Verzweiflung schrie ich zurück. Genau zweimal. So laut ich konnte. (Ja, auch ich fühlte mich machtlos und wusste nicht, was tun. Ich handelte spontan, wohl aus Reflex). Beide Male war sie total perplex, nahm mich endlich wahr und weinte dann herzzerreißend. Daraufhin nahm ich sie in den Arm, tröstete sie, entschuldigte mich und erklärte ihr, dass sich das schlimm anfühlt, angeschrien zu werden. Wir hatten zwei längere "Gespräche" darüber, wie traurig man sich fühlt, wenn jemand so brüllt. Ich erklärte ihr auch, dass sie gerne brüllen dürfe so laut und lange sie möchte, sie aber dazu in ihr Zimmer gehen solle. Dass sie jederzeit herauskommen dürfe wenn sie sich beruhigt hat oder getröstet werden möchte. In den nachfolgenden Wutanfällen brauchte ich nur einmal tief Luft zu holen wenn sie begann, mich anzuschreien. Sie hielt sofort inne. Ich erinnerte sie dann wieder an unsere Abmachung. Sie darf wütend sein. Ich verstehe das. Aber sie darf mich nicht anschreien weil mich das traurig macht. Die große Überraschung: Sie folgte meinem Rat, ging einige Male in ihr Zimmer, ließ einen lauten Schrei los und kam danach zum Trösten in meine Arme. Einige Male verließ sie ihr Zimmer sogar und schien mit sich selbst total im Reinen. Die Wut war verraucht und sie spielte mit mir, als sei nichts geschehen. Und es kommt noch besser: Die Situationen wurden von Woche zu Woche seltener und mittlerweile kann ich mich gar nicht mehr an ihren letzten richtigen "Ausraster" erinnern.

Ich habe keine Ahnung wie pädagogisch wertvoll mein Vorgehen ist. Wahrscheinlich überhaupt nicht. Aber wir haben es auf diese Art und Weise geschafft, unser Familienleben wieder harmonischer zu gestalten. Zwerg kann ausrasten, solange sie die Wut nicht gegen Personen richtet. Ich muss nicht hilflos danebenstehen und über ein Verhalten hinwegsehen, dass ich nicht tolerieren möchte. Die Reißverschluss-Situationen gibt es immer noch, in denen sie kurz sauer und hysterisch wird. Aber sie richtet keine Aggressionen mehr gegen mich. Und die Momente werden kürzer. Sie wird langsam einsichtiger. Weiß mittlerweile in vielen Situationen, wie sie sie lösen kann. Oder Mama. Lässt mich immer öfter mit anpacken oder nimmt Ratschläge an. Das Licht am Ende des Tunnels rückt also näher :-).

Wie geht ihr mit solchen Situationen um?



Kommentare:

  1. Toller Post! Und doch, ich denke, dein Vorgehen war pädagogisch wertvoll! Und ich werde deinen Tipp beherzigen, denn unsere Püppi, die in 8 Tagen 2 Jahre alt wird, ist in der Trotzphase seit gefühlt dem Moment, an dem sie ihren 1. Geburtstag feierte. Sogar einmal mit Affektkrampf, als sie 14 Monate alt war. Zum Glück kam das nur einmal vor.

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    1. Ohje, das klingt nach einem besonders "durchsetzungsstarken" Exemplar, dass du da hast ;-)!
      Aber geteiltes Leid ist halbes Leid... vielleicht können wir uns daran aufrichten ;-).
      Ich wünsche dir ganz starke Nerven und viel Geduld in dieser anstrengenden Phase. Hoffentlich findet ihr auch bald euren Weg aus dieser Trotzspirale.

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