Freitag, 18. Juli 2014

Wie "der Moschu" bei uns einzog


Ich gebe zu, die letzten Wochen und Monate waren etwas chaotisch für meine ganze Familie: Jobwechsel, Umzug in ein neues Land, neue Sprache, neue Wohnung, neue Freunde, neuer Kindergarten und neue Schule. Dazu keine Großeltern mehr vor Ort und auch die meisten anderen Dinge, die meinen Kindern vertraut waren, waren von heute auf morgen verschwunden.

Bislang hatte ich den Eindruck, dass jeder einzelne von uns diese ganzen Veränderungen gut verkraftet hat und dem neuen eher positiv als skeptisch gegenübersteht. Auch der Zwerg (bald 3), der seit Kurzem einen internationalen Kindergarten besucht, schien großen Spaß zu haben und hatte täglich blendende Laune.

Vor ein paar Tagen kam dann aber doch der Moment, der mich ins Grübeln brachte:
Es war Abend und ich wollte mit dem Zwerg Zähneputzen gehen. Da verkündet sie ganz ernsthaft, das sei im Moment nicht möglich.
Im Bad ist nämlich der Moschu. Der kämmt sich dort die Haare.
Aha. Leicht irritiert hakte ich nach, wer denn der Moschu sei. Doch keine Chance- ich erhielt immer nur Giggeln und Kichern zur Antwort.

Am nächsten Tag hatte ich die Sache schon fast wieder vergessen, doch da war er wieder: Der Moschu. Am Frühstückstisch. Und der Moschu wollte, dass Mama Frühstückseier kocht. Auch am Abend erfuhr ich wieder einiges über unseren neuen Mitbewohner: Der Moschu passe nämlich gut auf, dass der Zwerg nicht aus dem Bett klettert wenn er schlafen soll. Er ruft dann: "Halt, hiergeblieben! Jetzt wird geschlafen!"
Dabei hatte ich nicht den Eindruck, der Zwerg fürchte sich vor dem Moschu. Sie erzählte mir das quitschvergnügt und amüsierte sich königlich.

Mittlerweile ist es mir gelungen, einiges über den Moschu herauszufinden: Er sieht aus wie ein Drache und ein Uhu. Er ist gelb. Er trägt ein schwarzes Kleid und eine Krone. Außerdem hat er einen großartigen Sinn für Humor und reisst gerne Witze. Von Schlafengehen hält er nicht viel und beim Essen ist er sehr wählerisch.

Ich machte mir also Gedanken. Von imaginären Freunden bei Kindern hört man ja öfters. War sie einsam? Hatte ich ihr zu viel zugemutet? Erst die neue Umgebung und jetzt auch noch der neue Kindergarten, in dem sie gleich mit 2 neuen Sprachen gleichzeitig konfrontiert wird. Das wäre schon für einen Erwachsenen nicht einfach, was muss da erst im kleinen Zwergenköpfchen vorgehen...?

Zum Glück gibt es Google und so fand ich heraus, dass ich nicht alleine bin.
Ein Drittel aller Kinder unter 7 Jahren hat im Laufe der Zeit irgendwann einmal einen imaginären Freund.
Wenn man die Besitzer der Stofftiere mit Persönlichkeit dazunimmt, sind es sogar 65%.
Einzelkinder sind in der Regel öfter stolze Besitzer eines solchen Freundes. Und oft taucht dieser nach einer Veränderung wie einem Umzug oder der Geburt eines Geschwisterchens auf.
Schlecht ist der unsichtbare Gefährte aber nicht, verschiedene Forschungsergebnisse zeigen, dass ein imaginärer Freund kein Grund zur Sorge sein sollte.
„Besonders häufig haben Kinder mit viel Fantasie solche Freunde. Sie sind oft intelligent, kreativ und sprachlich sehr weit. Studien zeigen, dass sie sich ausgesprochen gut in andere Menschen hineinversetzen können“,sagt Prof. Dr. Hellgard Rauh,emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie (puh, Glück gehabt ;-) ).
Und US-Psychologin Dorothy Singer meint: "Früher hielt man Fantasiegefährten für krankhaft, heute sehen wir darin ein Zeichen von seelischer Gesundheit."
Die Psychologin Marjorie Taylor von der University of Oregon konnte in mehreren Untersuchungen feststellen, dass die betroffenen Kinder sich schneller als ihre "allein lebenden" Altersgenossen eine Vorstellung von den Gefühlen und Gedanken ihrer Mitmenschen bilden.
Die Psychologen Anna Roby und Evan Kidd von der University of Manchester fanden heraus, dass Kinder mit imaginären Freunden über deutlich bessere Kommunikationsfähigkeiten verfügen.

Ich kann also wieder ruhig schlafen und aufhören, mir den Kopf über Probleme zu zerbrechen, die mein Kind unbemerkt haben könnte. Mal wieder habe ich erst 10 Expertenmeinungen zu einem Thema gelesen um letzten Endes herauszufinden, dass mein Bauchgefühl von Anfang an richtig war.
Experten raten Eltern übrigens, die Existenz der imaginären Freunde nicht zu leugnen. Man solle sie als Familienmitglieder akzeptieren. Ihre "Besitzer" geben sie von ganz alleine wieder auf, wenn sie sie nicht mehr brauchen. Ich werde den Moschu demnach so gut wie möglich aufnehmen. Nur ein bisschen anpassen sollte er sich noch an unsere Hausregeln (solange der Moschu SEINE Füße unter MEINEN Tisch...).

Seit heute hat Moschu übrigens eine Schwester und Eltern. Mit denen lebt er in der Moschu-Wohnung ganz in der Nähe. Was er trotzdem ständig bei uns verloren hat, wird wohl noch eine Weile das Geheimnis meiner Tochter bleiben....

1 Kommentar:

  1. Ich habe mich köstlich amüsiert! :-) Der Moschu zeugt auf jeden Fall von Fantasie und könnte zu einem Familien-Insider avancieren. Schön, dass du drauf einsteigst und nicht versuchst, dem Zwerg den Moschu auszureden. Das macht doch bestimmt irre Spaß, Moschu-Geschichten auszudenken. Wenn er euch mal nervt, pack ihm einen Koffer und schick ihn zu uns.

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