Mittwoch, 28. Mai 2014

Mutmachparade: Für was lohnt es sich, mutig zu sein?

Heute möchte ich im Rahmen der Mutmachparade, zu der Hannes in seinem Jazzblog aufruft, einen etwas intimeren Einblick in mein Leben gewähren. Heute gibt es keine Rezepte, Buchtipps oder unterhaltsamen Alltagsgeschichten, heute geht es mal um einen Teil meiner ganz persönlichen Lebensgeschichte und die großen und kleinen Gabelungen auf meinem Weg, an denen ich etwas Mut für meine Entscheidungen brauchte.

Wer mich kennt weiss, dass ich kein besonders impulsiver Mensch bin. Ja, meine Freunde und nicht zuletzt mein Ehemann belustigen sich sogar regelmässig über den Aufwand, den ich betreibe, um Dinge gründlich abzuwägen. Ich bin die Frau, die unzählige Excel-Listen und Dokumente besitzt, in denen Alternativen, Varianten und Informationen gegenübergestellt werden. Wenn ich eine Entscheidung fällen muss, könnte ich wahrscheinlich zu jedem Thema eine umfangreiche und brilliant recherchierte Power-Point Präsentation halten. Alle Aspekte werden berücksichtigt, man möchte ja später nichts bereuen. Trotz dieser Tatsache, habe ich in meinem Leben schon so einige Entscheidungen getroffen, die weder die rationalsten, noch die unkompliziertesten oder sinnvollsten waren. Gerade in den wichtigen Dingen höre ich eher auf Bauch oder Herz. Und mit ein bisschen Mut "springe" ich dann einfach:

Was hat mein Umfeld die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als ich mit 17 ungeplant schwanger wurde. Ich besuchte zu der Zeit die 11. Klasse des Gymnasiums, war bereits seit über einem Jahr von zu Hause ausgezogen, hatte kaum Geld, lebte in einer chaotischen WG und meine Schulbesuche waren...nennen wir es "sporadisch".
Den Mut zu fassen, mich für meine Tochter zu entscheiden war dennoch eine der einfachsten Entscheidungen in meinem Leben.
Über die Alternative habe ich damals nicht mal richtig nachgedacht. Ich erwartete ein Kind und daran etwas zu ändern, wäre unvorstellbar gewesen.
Auch wenn ich damals das Gefühl hatte, keiner glaubte daran, dass das alles gut ginge... Ich glaubte daran! Und nicht einen Moment habe ich diese Entscheidung je bereut.
Meine Tochter, die in einigen Wochen 9 Jahre alt wird, ist ein glückliches Mädchen, dem es zu keinem Zeitpunkt an etwas fehlte. Auch wenn wir die ersten Jahre immer knapp bei Kasse waren (Ich holte innerhalb von 3 Jahren mein Fachabitur nach und schloss eine Ausbildung ab), glücklich waren wir trotzdem in unserer kleinen Wohnung ganz ohne Wochenendausflüge in den Europapark oder All-Inclusive-Urlaube.
Wir radelten durch die Gegend, badeten im See, malten uns die Welt bunt, zählten Wolken, versteckten und in Kleiderschränken, sammelten bunte Blätter, picknickten im Garten, dachten uns Geschichten aus und nahmen uns Zeit für all die wunderbaren Dinge, für die man keinen Cent braucht.

Da frau mit Kind(ern) eine große Verantwortung trägt, folgten auf die Entscheidung, meine Tochter zu bekommen noch viele weitere Entscheidungen, für die ich oftmals weder Unterstützung noch Verständnis bekam, und die mir Mut abverlangten.
  • Den Mut, mich ein Jahr nach der Geburt vom Vater meiner Tochter zu trennen.
  • Den Mut, mich neu zu verlieben.
  • Den Mut, meinen neuen Partner ins Familienleben einzubeziehen.
  • Den Mut, nach meiner Ausbildung trotz Druck des Arbeitgebers nur Teilzeit (32 Std/Woche) zu arbeiten. Damit auf Möglichkeiten zu verzichten um meine Tochter und die Zeit mit ihr an oberste Stelle zu setzen.
  • Den Mut, mir mit meinem Mann nochmal ein Kind zu wünschen und auch zu bekommen, obwohl wir zu diesem Zeitpunkt beide unzufrieden mit unseren Jobs waren und noch nicht wussten, wo auf dieser Welt und mit welchem finanziellen Rahmen wir einige Monate später stehen würden (warum könnt ihr in meinem Artikel Wann ist der richtige Zeitpunkt, um Kinder zu bekommen nachlesen).
  • Den Mut, mir auch mal falsche Entscheidungen einzugestehen und diese wieder rückgängig zu machen: Ein Fernstudium zu beginnen und es letzten Endes trotz toller Ergebnisse frühzeitig abzubrechen, weil ich das Gefühl hatte, die dafür benötigte Zeit mit anderen Dingen erfüllender nutzen zu können.
  • Und zu guter letzt den Mut, mit meiner Familie für eine berufliche Möglichkeit meines Mannes nach Istanbul auszuwandern und uns auf eine völlig neue Kultur einzulassen.

Zu jedem Zeitpunkt standen mir/uns auch einfachere Varianten zur Auswahl. Wir hätten immer auch einen leichteren Weg gehen können.
Ich hätte mein Kind abtreiben können um meine "sorglosen" Jahre in die Länge zu ziehen.
Ich hätte in einer unglücklichen Beziehung bleiben können, um die Verwantwortung zu teilen und anderer Leute Erwartungen zu erfüllen.
Ich hätte nach der Geburt meiner Tochter zu Hause bleiben können und vom Staat leben, wie es mir das Arbeitsamt damals empfohlen hatte (ja, richtig gelesen. Der HartzIV Satz mit Kind ist sogar höher als Schülerbafög, das ich bezog um meine Schule zu beenden...das System ist leider fragwürdig).
Ich hätte meine Ausbildung in 4 Jahren statt in einem machen können, weil es leichter gewesen wäre ab und zu mal Berufsschule zu haben, anstatt jede Woche 50-60 Stunden im Büro zu sitzen.
Ich hätte mein Fernstudium beenden können, weil es total vernünftig gewesen wäre, meine beruflichen Qualifikationen zu erweitern. "Vernünftiger", als in der Zeit Pustblumen zu sammeln oder zu bloggen.
Und wir hätten in Deutschland wohnen können. Alle in unserem kleinen Hamsterrad. In Jobs, die uns nicht glücklich machen. Wir hätten uns Abend für Abend selbst bemitleiden können. Weil wir zu wenig Zeit für die Familie haben. Zu wenig Zeit für uns selbst. Weil die Welt ungerecht ist. Weil wir noch nicht einmal Anerkennung ernten, für das was wir tun. Während wir die schönen Dinge des Lebens dafür aufgeben.




Letzten Endes waren es die mutigen Entscheidungen, die mein Leben positiv veränderten. Ich bin sehr dankbar für mein Leben mit all seinen kleinen Mosaiksteinchen, aus denen es sich zusammensetzt. Hätte ich nur eine andere Entscheidung getroffen, wäre das Gesamtbild ein anderes. Meine Familie und ich hatten komplizierte Zeiten, weit mehr als ich in diesem Artikel kurz umrissen habe. Manchmal sah die Welt schwarz und hoffnungslos aus. Trotzdem haben wir niemals unzufrieden auf der Stelle getreten, sondern immer mit Mut und Engagement versucht, zu ändern, was zu ändern war. Und akzeptiert, was wir nicht ändern konnten. Aus dieser Mischung haben wir stets das Beste gemacht und haben uns deshalb nicht nur arrangiert mit unserem Leben, wir sind glücklich.
Für was lohnt es sich also, mutig zu sein?
Für mich steht die Antwort fest: Für seine eigenen Träume, Wünsche, Vorstellungen und Ziele, beruflich wie privat. Um zu erreichen, was man möchte und sein Leben selbstbestimmt zu leben ist kein Weg zu steinig, keine Entscheidung zu schwer und kein Opfer zu groß.


An dieser Stelle möchte ich euch noch kurz auf einige Beiträge zur Mutmachparade meiner Bloggerkollegen hinweisen, die mir sehr gut gefallen und mich berührt haben:

"Wir sind in die Welt gestellt um zu leben" von Berlinmittemon
"Aus Angst wird Mut und Heldentum" von mama-notes
"Mutmachparade- mein Beitrag" von mama arbeitet
"Erste Schritte sind immer schwer" von Elke Peetz
"An die Sonne glauben können" von werden und sein
"Viel Vertrauen und ein bisschen Leichtsinn" von Heikeland
"Mut steht am Anfang, Glück am Ende" von Herzensangelegenheiten






Kommentare:

  1. Liebe Yummy Mommy,

    da habe ich doch gerade mein Abendessen unterbrochen, weil ich deinen Post unbedingt zu Ende lesen wollte! Ich finde es unglaublich mutig, wie mutig du darüber schreibst und berichtest! Man merkt auf jeden Fall, dass zu deinen Weg gehst und leben willst! Beeindruckende Geschehnisse und noch viel beeindruckender, wie du es gerade selbst reflektiert hast!
    Du hast alles richtig gemacht! Hab einen wunderschönen Abend und sei herzlich gegrüßt!
    Maxie

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  2. Jetzt erst gelesen. Toller Lebensweg!

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  3. Ein sehr berührender Beitrag, den ich soeben zum zweiten Mal gelesen habe :) Ich habe mich auch vorhin getraut, die dunklen Seiten des Lebens anzusprechen... du bist definitiv eines der Vorbilder dieser Parade ;) Du scheinst wirklich eine tolle, starke und mutige Frau zu sein!

    Liebe Grüße, Janina

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  4. Wow, danke für deine offenen Worte. Dein Lebensweg klingt nicht nur mutig, sondern auch verdammt spannend! Viel Erfolg und Mut auch weiterhin - und neue, genauso tolle Posts!
    LG

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  5. Heeeeul was ein schöner Beitrag und ja du warst mutig und es war anstrengend. Mut lohnt sich immer <3
    Wenn du willst kannst du auch mal bei meinem Beitrag reinlesen

    http://vonundzuskywalker.blogspot.de/2014/06/zur-mutmachparade-leben-schenken.html

    ist ähnlich wie bei dir ...

    LG Elle

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  6. Ich könnt dich grad einfach nur knuddeln. Du bist großartig! Nicht vergessen ;)

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  7. Respekt! Du kannst stolz auf dich sein. Es schaffen nicht viele, mit Kind noch die Schule zu beenden und ihr Leben auf die Reihe zu kriegen. Das ist schließlich nicht einfach. Apropos frühe Schwangerschaft … in mancher Hinsicht ist es nach der harten Zeit dann ja auch ein Geschenk, wenn man noch so jung ist wie du. Ich war beim ersten Kind 37 und fühle mich manchmal schon echt zu alt für so kleine Kinder.

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