Freitag, 11. April 2014

Warum wir nicht ins Fernsehen wollen

wie ein "Goodbye Deutschland" Dreh wirklich abläuft

 









 










Kurze Frage vorab:
Wer hat schon mal "Goodbye Deutschland" angeschaut und sich dabei gefragt, warum dort hauptsächlich Auswanderer mitmachen, die kein Kapital haben (oder besser noch: Schulden), keinen festen Job in Aussicht und nicht einmal die Landessprache sprechen?
Da kommen Menschen auf die Idee, in Mallorca ein Solarium zu eröffnen, ihr Leben für eine 2wöchige Urlaubsromanze hinzuschmeissen oder mit 500€ und Kind im Gepäck nach Kanada zu reisen, um sich dann darüber zu wundern, dass man für eine Wohnung (die man noch nie gesehen hat) Kaution hinterlegen muss.

Ich habe heute des Rätsels Lösung für euch. Es kann nur 2 plausible Erklärungen dafür geben:
ENTWEDER weil jeder vernünftige Auswanderer keine Lust hat, genauso hingestellt zu werden ODER die gezeigten Auswanderer haben in Wirklichkeit einen Plan mit Hand und Fuß, der aber leider in der TV-Darstellung nicht gezeigt wird.

Aber nun dazu, wie ich zu dieser weisen Erkenntnis gelangt bin:
Seit geraumer Zeit melden sich diverse TV-Produktionsfirmen aus ganz Deutschland bei mir (es müssten mittlerweile 6 oder 7 sein), die von VOX mit dem Dreh verschiedener Auswanderer-Sendungen betraut wurden. Sie alle sind durch meinen Blog auf unsere Auswanderer-Geschichte gestossen und sehr interessiert, diese in die Welt zu tragen.
Bei der ersten Kontaktaufnahme war ich überrascht und natürlich auch ein bisschen geschmeichelt (wer denkt schon, dass die Redaktionen Kontakt zu den Kandidaten aufnehmen und nicht andersrum?!). Also haben wir heiss in der Familie diskutiert, sind immer wieder auf die Ausgangsfrage dieses Artikels zurückgekommen und haben uns dann entschieden, uns zu einem Telefonat breitschlagen zu lassen um uns zumindest die Konditionen mal anzuhören.

Jetzt interessiert euch sicher: Was bekommen die Darsteller?
Da ich mir der rechtlichen Konsequenzen nicht sicher bin, werde ich die Zahl, die uns angeboten wurde, mal aus meinen Bericht heraushalten. Nur soviel: Üblicherweise bekommen die Darsteller laut Produktionsfirma zwischen 600 und 1000 Euro (uns wurde etwas mehr angeboten, aber vielleicht erzählen sie das auch jedem). Alle zusammen. Für alle Drehtage. Welcher Aufwand damit verbunden ist, erfahrt ihr gleich.

Nach dem Telefonat haben wir uns zu einem sogenannten "Casting" überreden lassen. Denn es läuft so:
Die Produktionsfirmen drehen Probeaufnahmen, die sie bei VOX vorstellen. Der Sender lehnt die Teilnehmer dann entweder ab oder sagt zu. Wir haben uns also entschieden, diese Probeaufnahmen machen zu lassen und dachten uns: "Falls VOX zusagt, können wir uns immer noch überlegen, ob wir überhaupt mitmachen wollen".

Die Firma kündigte die Aufnahmen als einen kurzen sonntäglichen Besuch an, bei dem sie uns ein bisschen im Familienalltag filmen wollten. Ausserdem seien kurze Interviews geplant, in denen wir uns eben vorstellen und ein bisschen was zu unserem Istanbul-Vorhaben erzählen sollten.
Der kurze Besuch artete in ein 6stündiges Kreuzverhör aus, bei dem unsere Wohnung umgestellt und umdekoriert wurde und der damit endete, dass ich mit den Kindern zu meiner Mutter floh um ihnen dort etwas zu Essen zuzubereiten, da ich während des Drehs in meiner eigenen Küche nicht kochen durfte (störende Hintergrundgeräusche).
Wohlgemerkt waren diese Aufnahmen nur für interne Zwecke gedacht, es war von Anfang an klar, dass nichts davon je ausgestrahlt werden würde.

Ich dachte ja immer: "Wer im TV negativ rüberkommt, ist selber schuld."
Schliesslich können sie ja nur zeigen, was wirklich gesagt wurde.
Wer schon mal 3 Stunden lang Fragen beantwortet hat, deren Antworten zu einem 90 Sekunden-Clip zusammengeschnitten werden, weiss: Dem ist nicht so!

Schon zu Beginn meines "Interviews" beschlich mich der leise Verdacht, jemand sei auf der Suche nach dem ganz großen Drama. Ich hatte im Vorgespräch schon meine Zweifel angesprochen, ob wir die richtige Familie für das Format seien. Sie wussten, dass Job, Finanzen, Wohnung, Schule, einfach sämtliche Rahmenbedingungen von langer Hand geplant und gut organisiert waren. Trotzdem waren sie sehr interessiert an unserer Story, wichtig sei ja auch eine gewisse Vielfalt.
Anscheinend jedoch gibt der Sender den Rahmen der "Doku" so vor, dass nicht sachlich berichtet werden kann, sondern ein riiiiiiesger Spannungsbogen aufgebaut werden soll. Der Zuschauer muss wohl mitfiebern, ob alles gut wird und wichtig ist, dass das Schicksal sämtlicher Beteiligter während der Sendung mindestens einmal auf der Kippe steht.
In stundenlangen Suggestivfragen wird man also mit seinen Antworten dahin gedrängt, wo man eigentlich überhaupt nicht hinwollte.
Ein kleines Beispiel:
Ausgangsfrage: "Was glaubst du denn, wird euer gesamtes Auswander-Vorhaben eher gutgehen oder scheitern?"
Meine 1. Antwort: "Natürlich glauben wir daran, dass alles gutgeht. Ansonsten würden wir auf keinen Fall hier alle Zelte abbrechen und die Kinder aus ihrer gewohnten Umgebung herausreißen."
Es folgte ein 30minütiges Nachhaken der Fragestellerin (meine Antwort war wohl nicht zur Zufriedenheit). Mit Fragen wie "Aber wenn etwas schiefgehen WÜRDE, was könnte das dann sein?" nahm die Tragödie ihren Lauf bis letztendlich genug Material verfügbar war für eine Antwort à la:
"Ich habe große Angst, dass alles schiefgeht, weil in der Türkei so viele Moslems leben."
Wer scharfsinnig ist, hat bestimmt bemerkt, dass diese Aussage mit meiner ursprünglichen Antwort auf die Frage so gar nichts mehr zu tun hat. Würde ich auch niemals sagen. Könnte man sich aber so zusammenschneiden nachdem ich alle kulturellen Unterschiede genau spezifizieren sollte. Unterlegt mit etwas düsterer Musik vermittelt das zum Einstieg einen ganz authentischen Eindruck von mir ;-).
Nachdem also sämtliche Bereiche abgeklopft und wohl kein ausreichend großer Skandal gefunden wurde, hatte die Produktionsfirma dann doch noch eine zündende Idee. Mir wurden fortan Fragen gestelllt, deren Antwortschnipsel sich gut zum Thema "letzte Chance für die Ehe" zusammensetzen lassen könnten. Untermalt mit einer traurigen Ballade könnte ich mich so in die arme Ehefrau transformieren, die sich für die berufliche Verwirklichung ihres Mannes opfert. 

Um es kurz zu machen: Nach Abzug der Produktionsfirma waren wir alle runter mit den Nerven. Und nachdem wir unsere Möbel wieder an die richtigen Stellen gerückt (für jedes Interview musste eine eigene "Kulisse" gebaut werden) und die Gespräche verdaut hatten, waren wir uns alle 4 einig:
Wir werden den "Assis", über die wir alle so gern lästern, den Vortritt lassen (oder denen, die dort fälschlicherweise so hingestellt werden).

VOX wollte uns übrigens gerne sehen und auch die Produktionsfirma ließ nichts unversucht nach unserem Dreh. Sogar die Gage erhöhten sie nochmals. Wir hätten zwar unsere Vorteile gehabt (die Sendung wäre perfekt gewesen, um ein anstehendes berufliches Projekt bei meiner Zielgruppe zu promoten), aber das fürchterliche Bauchgefühl kann man sich nicht schönreden. Übrigens hat man keinerlei Mitsprachrecht, wie die Firma Bild- und Tonaufnahmen verwendet und in welchem Zusammenhang alles letzten Endes zusammengeschnitten wird. Die Folge bekommt man als Darsteller auch vor der Ausstrahlung nicht zu sehen, das sei "organisatorisch unmöglich" (sie werden ihre Gründe haben). Für eine 90minütige Sendung wird 6 Tage lang voll gedreht, und daraus dann das "beste" Material zusammengeschnitten.

Wir nehmen mit: Einen Einblick in "Reality-Dokus", der tatsächlich "real" war. Und eine völlig neue Zuschauerperspektive wenn "Goodbye Deutschland" läuft. Statt uns über die Teilnehmer das Maul zu zerreißen mutmaßen wir nun, wie sich alles im "Real Life" zugetragen haben könnte....

Auf diesem Weg möchte ich auch gleich sämtlichen TV-Produktionsfirmen mit auf den Weg geben, dass eine Anfrage reine Zeitverschwendung ist. Gerne wären wir bereit gewesen, einen Einblick ins wahre Leben mit allen Freuden und Problemen beim Auswandern zu gewähren. Aber wie es scheint, sind die Zuschauer noch nicht bereit für Realität in "Reality-Dokus". Oder sind es die Sender???







Kommentare:

  1. Hi,hi! Wir sind gerade von einem fünfjährigen Auslandsaufenthalt in Dubai zurückgekommen, dort wurden auch ständig Deutsche für solche Formate gesucht. Um nichts in der Welt hätte ich da mitgemacht, ganz genau aus den genannten Gründen. Es kann einfach nicht so viele trottelige Auswanderer geben, wie im Fernsehen gezeigt werden. ;-)

    Euch drücke ich die Daumen für euere Pläne! Es wird sicherlich ein ganz tolles Erlebnis, ich möchte meine bisherigen Auslandsaufenthalte nicht missen.

    Liebe Grüße Karin

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    1. Vielen Dank :-) Wir gehen auch voller Optimismus hinein, die netten und offenen Menschen machen uns das ganz leicht! Der große Zuspruch von Auswanderern (egal aus welchem Land) tut übrigens total gut, glücklicherweise habe ich tatsächlich noch von keiner Negativerfahrung gehört.

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  2. Wow, danke für diesen Einblick hinter die Kulissen. Stimmt schon, irgendwie werden so ziemlich alle schwachsinnig dargestellt und das kann es ja auch nicht sein... zum Glück habt ihr euch dagegen entschieden! Liebe Grüße, Janina

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    1. Haben die Entscheidung auch noch nicht bereut :-) Lieber gar keine Publicity als schlechte...und nicht auszudenken was auch unsere Kinder eines Tages gedacht hätten, wenn sie sich in vielen Jahren angesehen hätten wie Mama und Papa total verzerrt und skandalös dargestellt wurden...

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  3. Vielen Dank für den Einblick. Das die Produktionsfirmen filtern dachte ich mir schon, aber dass man alles so verfremden möchte, um einen Spannungsbogen und Dramen zu zeigen, finde ich erschreckend. Grundsätzlich ist mir zwar egal, was andere so meinen, aber nach einer solchen Darstellung kann man sich wahrscheinlich nicht mehr in den Spiegel schauen. Und das für eine solche Selbsterniedrigung so wenig gezahlt wird, ist eine weitere Frechheit. Wir werden deshalb diese Sendungen mit etwas anderen Augen ansehen.

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    1. Ja ich möchte nicht wissen was das für ein Gefühl ist, wenn du deine eigene Geschichte total verfremdet ansiehst und dir im selben Moment bewusst wird, dass das eben auch mehrere Millionen Menschen getan haben... da hätte ich bestimmt nicht mehr ruhig schlafen (geschweigedenn in den Spiegel schauen) können...

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  4. Unglaublich! Danke für diesen Einblick. Was diese "Produktionsfirmen" nicht alles für die Quote tun ; )

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  5. Wirklich interessant und es bestätigt meine Vermutungen. Allerdings hatte ich gehofft, dass die Darsteller mehr Geld dafür bekommen. Das Angebot ist doch ein Witz!

    Ich schaue solche Sendungen auch schon lange nicht mehr. Mir bringen sie keinen Mehrwert. Viel mehr interessieren mich die echten Erfahrungen und nicht dieses sensationelle Zeug.
    Aus diesem Grund sind wir auch selbst unter die Blogger gegangen. Und ich finde es ganz toll, dass du deine Erfahrungen hier mit uns teilst. Auch wenn es uns in ein völlig anderes Land verschlägt als euch, sind die Hürden ähnlich, wenn nicht gar gleich.

    Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es bei euch weitergeht.

    LG

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  6. Das ist ja total spannend, aber sowas habe ich mir schon gedacht. Lieber nicht mitmachen, nachher wird man ganz falsch dargestellt.
    LG Steffi

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