Freitag, 12. Juli 2013

Gewalt auf dem Schulweg

Gewalt auf dem Schulweg

wenn aus Täter Opfer und aus Mutter Löwin wird



Heute um die Mittagszeit: Ich sitze mit Zwerg am Tisch, die Spaghetti dampfen und wir erwarten den Aufritt der Großen. Der dann auch kam- und zwar dramatisch!
An der Tür klingelt eine fremde Frau, die die Große nach Hause gefahren hat, nachdem sie sie heulend auf einer Wiese an der Bushaltestelle aufgegabelt hat. Die Große schluchzt, ist völlig aufgelößt, tränenüberströmt. Ihre weisse Hose ist von den Knien abwärts braun, grün und rot. Rot, da blutdurchtränkt. Selbst geschockt durch den Anblick des Grauens bedanke und verabschiede ich mich von der Fremden und trage das Häufchen Elend erstmal aufs Sofa. 
Während ich ihr das Blut vom Bein wasche um die Quelle ausfindig zu machen schildert sie mir folgende Story:
Sie fährt mit Klassenkameradinnen im Schulbus. Eine beginnt, "böse Worte" zu einem großen Jungen zu sagen und ihm den "Stinkefinger" zu zeigen. Beim Aussteigen schnappt er sich meinen Unschuldsengel und schubst sie in einen Graben. 

Noch ganz schlüssig ist die Geschichte nicht, finde ich. Warum der Bub denn sie und nicht das andere Mädchen, das frech zu ihm war, geschubst hat? Naja, meine Große hat eben dabei mitgelacht und war die letzte die aus dem Bus stieg. Und der Junge war groß. Seeehr groß. Nicht etwa 4. Klasse-groß. Eher Teenager-groß.
Da kommt der Löwe in mir auf! Wie kann ein Junge dieses Alters so grob zu einer kleinen 2.Klässlerin sein, dass beide Beine Bluten und die Hose zerrissen ist?! Sofort wird telefoniert und recherchiert, wer der Satansbraten sein könnte. Ich will ihn mir umgehend vorknöpfen und eine Entschuldigung! Leider ergeben die Recherchen nichts eindeutiges, weder Vor- noch Nachnahme und auch keine Adresse. Den Vornamen der Schwester konnte ich aber in Erfahrung bringen. Und ich erhalte von 2 Kindern 2 unterschiedliche Wegbeschreibungen zu dem Elternhaus, dem diese Teufelsbrut entsprungen sein soll. Das Essen bleibt unberührt stehen, ich schnappe Große und Zwerg, ab ins Auto und los- der Übeltäter wird zur Rede gestellt.

Leider irren wir eine viertelstunde in der Gegend herum, und nachdem ich in besagter Strasse das beschriebene Haus nicht finden kann, beschliesse ich wieder nach Hause zu fahren und ein paar Kindermeinungen mehr zu rate zu ziehen. Irgendeiner muss doch wissen, wie der Kerl heisst.
Auf dem Heimweg durchlöchere ich die Große nach sämtlichen Details. Dabei muss ich ihr jedes Wort aus der Nase ziehen. Am Ende stellt sich heraus, dass bei der ursprünglichen Schilderung einige (nicht unerhebliche) Details weggelassen wurden. 

In Wahrheit muss es sich in etwa so zugetragen haben:
Ein Junge fährt nichtsahnend mit dem Schulbus nach Hause. Es beginnen - aus dem Nichts heraus- 4 Zweitklässlerinnen ihn zu ärgern. Da er sich nicht zur Wehr setzt und keinen Aufstand verursachen will, steigern sich die Gören immer weiter rein. Dabei fallen Ausdrücke (ja- auch aus dem Munde der Großen) wie "Nasenbohrer" und "Ur-Opi". Und sowas zählt in dieser Altersklasse (zumindest in unserem Umfeld) zu den schlimmsten Dingen, die einem einfallen können. Nach dem Aussteigen schubst er eine der 4, die gerade vor ihm läuft, unsanft zu Seite. Die kleine Nervensäge landet dabei im Graben und brüllt die ganze Strasse zusammen.

"Gut, dass wir ihn noch nicht gefunden haben.", sage ich der Großen. Die Suche war damit beendet.
Natürlich ist es falsch, handgreiflich zu werden. Und ja, es ist noch dazu feige wenn es um jemanden geht, der körperlich deutlich unterlegen ist. 
Aber bei aller Liebe- wer als kleiner Zwerg anfängt grundlos den Riesen zu beschimpfen, der muss mit einem Schubser rechnen. Das gilt für die Grundschule genauso wie für die Teenager-Zeit, das Studium, den Arbeitplatz, die Politik, die Wirtschaft, ...
Kinder (und ich wage zu behaupten, es gibt auch betroffene Erwachsene) neigen zuweilen zu grenzenloser Selbstüberschätzung. Ein kleiner Schubser, der einen auf den Boden der Tatsachen zurückholt, ist manchmal gar nicht verkehrt.

Ich hoffe, sie hat ihre Lektion gelernt.


1 Kommentar:

  1. Ich lese mich gerade durch deinen Blog und freue mich darüber,dass du soviele gesunde Einstellungen hast. Auch wenn man natürlich sein eigenes Kind nicht leiden sehen will , ist es dennoch manchmal nicht verkehrt auch mal von anderen Personen als den eigenen Eltern seine Grenzen aufgezeigt zu bekommen. Leider hat man häufig das Gefühl, dass viele Eltern ihre Kinder auf einen Sockel stellen , ich kenne sogar welche, die behaupten ihre Kinder hätten noch niiiiiee gelogen ;). Klar hat der Junge nicht richtig reagiert und schon garnicht hätte er handgreiflich werden dürfen,dennoch gehört es auch zum Leben dazu,dass man manchmal mehr einstecken muss ,als man ausgeteilt hat.

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